Wage dein Abenteuer

Anna PaulusAllgemeinEinen Kommentar schreiben

Vor kurzem habe ich einen Internet-Artikel zu Reinhold Messner gelesen, anlässlich seines 75. Geburtstages im September dieses Jahres. In diesem Beitrag wurde ein Satz von Reinhold Messner zitiert, welcher mich zu diesem Text inspiriert hat:

„Wer sich in die Höhen begibt, der kennt die Tiefen.“

Diese Aussage bezieht sich auf seine Abenteuer in den Bergen und den damit verbundenen Wagnissen.

Der Alpinist begibt sich in Gefahr, wenn er am Berg immer wieder neu seine ganz eigene Route hoch zum Gipfel sucht. Er geht bewusst das Risiko der möglichen Verletzung oder sogar des Sterbens ein, für den Gewinn der Erfahrung in den eigenen Grenzen und Fähigkeiten am Berg.
Die Wildnis der Bergwelt ist gefährlich, unberechenbar und erfordert Wachsamkeit und Vorsicht.

Wenn ich dieses Bild auf mein Modell des Lebens-Alpinisten übertrage, dann bedeutet das für mich:

Im täglichen Leben gibt es immer die Gefahr von Verletzung und Tod, in Form von Enttäuschung und Loslassen auf dem Weg zur Umsetzung meiner Visionen. Den eigenen Lebenstraum zu erfüllen bedeutet, den ganz eigenen Weg zu finden und diesen mutig zu beschreiten.
Dieser Weg wurde vorher noch nicht begangen und ist daher nicht vorhersehbar, meistens also verbunden mit vielen Anstrengungen und Entbehrungen, oftmals über lange Strecken auch mit Unsicherheit und Selbstzweifel.
Manchmal bekommen wir Angst und entwickeln Misstrauen gegenüber unserer eigenen Intuition. In diesen Momenten erkennen wir die reale Gefahr der Existenzbedrohung in den auftauchenden Hindernissen.

Als Lebens-Alpinist weiß ich um das Gesetz der Natur: Leben bedeutet zugleich Loslassen und ich erkenne dieses Gesetz als meine natürliche Grenze an. Somit kämpfe ich nicht mehr gegen das Leben und meine Intuition an, aus Angst vor Enttäuschung, möglichem Scheitern oder der finalen Konsequenz, dem körperlichen Tod.

Schon zu Beginn meines Lebens war meine Lebendigkeit und mein Lebensmut stark ausgeprägt. Ein Beispiel hierfür sind meine ersten Gehversuche im Alter von neun Monaten. Obwohl mir noch nicht einmal das einfache Stehen richtig gelingen wollte, zog ich mich immer wieder an Möbelstücken hoch und lief einfach los. Dies ganz zum Entsetzen meiner Mutter, da ich meistens nach wenigen Schritten stolperte, hinfiel und mir viele blaue Flecken holte. Ich selbst verlor dabei aber nicht den Spaß am Laufen und innerhalb kurzer Zeit war ich sicher darin.

Dahinter steckte damals schon meine Lebenskraft, welche ich aus heutiger Sicht wie folgt benenne: Ich will und ich kann. Die Eigenschaft, welche ich hiermit entwickeln durfte, ist es, geduldig zu sein und auch mal Dinge reifen zu lassen. Ich kann mir Zeit lassen, um in den Weg meiner Visionen immer wieder neu hineinzuwachsen. Das Geschenk hierbei ist, dass ich in der Langsamkeit auch die Gefahren möglicher Hindernisse auf meinem Weg erkennen kann. Heute weiß ich: manchmal muss man erst lernen, zu stehen und stehen zu bleiben, bevor man loslaufen kann.

Um diese Sichtweise zu meiner Persönlichkeit zu erlangen, musste ich mich allerdings erst in meine Tiefen begeben und mich vielen Enttäuschungen über mich selbst stellen. Ich musste mich selbst lieben und verstehen lernen, und ich erkannte, dass ich manchmal mehr will, als ich in dem Moment überhaupt leisten kann. Eine besondere Lektion war die Wirksamkeit der Zeit und dieser zu vertrauen. Das war für mich ein Schlüssel, um mich dem Tun im Hier und Jetzt zu öffnen. Dadurch habe ich die Kraft und Ausdauer gewonnen, welche immer wieder notwendig ist, um meine eigenen Wege zu beschreiten.

In jungen Jahren wollte ich vor diesen Erkenntnissen und vor mir selbst flüchten. Ich habe mich selbst verurteilt für meinen Eigensinn und meine Ungeduld. Es war mir lange Zeit nicht möglich, meine Natur in all ihren Schattenseiten zu lieben.
So lange ich vor mir selbst weglief, würden sich meine Träume aber auch nicht verwirklichen. Somit durfte ich für mich anerkennen, dass mein Instinkt, ohne diesen ich keine Orientierung habe, aus meiner inneren Wildnis geboren wird.

Ich lernte, mir selbst zu vergeben für die Momente, in welchen ich aus Ungeduld oder Selbstzweifel die Flinte viel zu schnell ins Korn geworfen hatte. Ich begann damit, mich in Momenten von Vorwurf und Kritik zu ermutigen, zu mir und meiner Sicht der Dinge zu stehen. Der größte Schritt war meine Einsicht, dass es kein Grund zur Scham ist, umzukehren, wenn ein Impuls sich als Irrweg herausstellt oder ich feststelle, dass ich einer Illusion folge.

Als Lebens-Alpinist muss ich die Tiefen auf dem Weg hin zu meinen Visionen kennen: die eigenen Schatten, Unzulänglichkeiten und Einschränkungen in der eigenen Veranlagung.
Erst in der liebevollen und würdigenden Integration dieser kann ich das Potential meiner Intuition als Kompass nutzen. Dann bin ich fähig, meine Ängste als notwendige Aufforderung zur Reflexion anzuerkennen, in welcher ich den nächsten Schritt nochmals überprüfen und notfalls korrigieren kann. Dadurch lerne ich, Illusion und eigene Vorstellungen von der Realität und wirklicher Führung zu unterscheiden.

Dennoch ist klar: In letzter Konsequenz bleiben das Leben und die eigene Natur unberechenbar.
Dieses Konzept ist also keine Lebens-Garantie, sondern das Fundament, welches Flexibilität im Umgang mit Herausforderungen gibt, ohne hierbei am eigenen Weg zu zerbrechen oder unbeugsam zu werden.

Jedes eigene Abenteuer, welches ich wage, schenkt den Gewinn der allumfassende Verbundenheit, des tief empfundenen Glücks, ein kleiner Teil im großen Ganzen zu sein.

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