Über den Umgang mit Angst vor COVID-19

Anna PaulusZeitqualitätEinen Kommentar schreiben

Mit diesem Blogeintrag möchte ich noch einmal Bezug nehmen zu meinem vorherigen Blogeintrag, vom 17.03.2020.

In den letzten Tagen haben mich immer wieder Nachrichten erreicht mit dem Aufruf, dem Virus mit Liebe und der Entmachtung der eigenen Angst zu begegnen: Das Virus, sei ein Gespenst unserer Angst und Vorstellung.
Ich persönlich verspüre hinter diesen Botschaften nicht weniger Angst als in der Auffassung derjenigen, die den Virus als größte Bedrohung der Menschheit unserer Zeit einstufen und die Herausforderungen im Umgang mit dem Virus gar als Krieg definieren. Beides ist aus meiner Sicht, der der Lebens-Alpinistin, eine Leugnung der Realität und ein menschlicher Versuch, einen Umgang mit der Situation zu finden.

Das Virus ist keine Strafe. Es ist einfach da und zeigt uns die menschliche Ohnmacht im Angesicht der Natur. In dem erleben wir gerade ganz konkret, in Form der Auswirkungen des Virus, wie es sich anfühlt, wenn die Natur uns ihre Macht zeigt.
So bekommt die Klimaschutz-Bewegung der vorangegangenen Monate ein völlig neues Gewicht. Wir beginnen, die Auswirkungen unserer Lebensweise auf die Natur zu begreifen. Ebenso wird uns bewusst, dass Solidarität nicht vor der eigenen Haustür enden kann, privat sowie auch national.
Wenn wir also jedes einzelne Menschenleben schützen und retten wollen, dann erkennen wir, wo wir in der Vergangenheit diese Menschlichkeit geleugnet und vergessen haben. Beispielsweise denken wir an die vielen Flüchtlinge, welche im Meer ertrunken sind oder in Flüchtlingslagern starben, und immer noch weiter sterben.
Hier haben wir bisher die Menschlichkeit missen lassen und die Augen davor verschlossen, dass auch hier jedes einzelne Menschenleben geschützt werden muss.

All diese bewussten und unbewussten Erkenntnisse, sowie die Angst vor kommenden Konsequenzen, wenn wir uns einer Veränderung unserer Lebensweise zugunsten der Natur und der Menschlichkeit öffnen, vermischen sich derzeit mit der Angst vor dem Virus.

In meinem letzten Blogeintrag habe ich euch dazu ermutigt, das Erfahrungsfeld, welches mit dem Virus einhergeht, anzunehmen. Damit meinte ich nicht, dass wir das Virus stoppen können, wenn jeder seine Themen hierzu bearbeitet.
Dies wäre Überheblichkeit und nur eine weitere Blüte menschlicher Machtgebärde im Umgang mit Naturgesetzen. Vielmehr möchte ich dazu ermutigen, zu erkennen, was jeder für sich selbst in der aktuellen Situation lernen kann, um hieraus eine neue Haltung der Welt, der Natur und den Mitmenschen gegenüber zu entwickeln.
Dies kann in der Folge dazu führen, dass wir als menschliche Gemeinschaft beginnen, neue Regeln aufzustellen, auf der Basis, dass wir als Mensch nur Gast auf diesem Planeten sind: die Natur, unser Planet Erde, wird uns definitiv überdauern.

Der Virus ist real.
So fühlen wir reale Ängste vor einer realen Bedrohung. Zugleich sind wir aber alle darin gefordert, uns nicht den eigenen Vorstellungen und Projektionen zur Verfügung zu stellen, welche damit einhergehen. Diese sind Schimären, welche aus der Reproduktion vergangener Erfahrungen in der eigenen Lebensgeschichte und der Geschichte unserer Ahnen hervorgehen.
Der neue, der eigene Weg, um mit dieser Krise umzugehen, befindet sich in jedem von uns selbst und kann nur durch Präsenz und die wertfreie innere Haltung geboren werden: durch die Nacht zum Licht.
Es ist also die Kraft der Gegenwärtigkeit, welche in der aktuellen Krise steckt und die jeder für sich nutzen kann, um so eine stabile Basis in sich selbst zu finden.

An dieser Stelle möchte ich gerne den Vergleich zum Alpinismus wählen. Wenn ich mich der Bergwelt aussetze, bin ich mir der realen natürlichen Gefahren, welche damit verbunden sind, bewusst.
Schon als Kind wurde mir bei den gemeinsamen Familien-Wanderungen und Klettertouren in den Bergen immer wieder eingeschärft, aufmerksam, konzentriert und vorsichtig zu sein. Den Blick auf den Weg gerichtet und jeden Schritt prüfend aufsetzen. Zum Rundblick anhalten: ganz wichtig.
Diese Haltung beruht auf Respekt der Natur des Berges gegenüber. Die eigene Vorsicht rettet das eigene Leben und schützt das Leben der Seilgefährten. Es geht nicht darum, bei Hindernissen gleich aufzugeben, jedoch sollte man diesen auch nicht in Überheblichkeit begegnen und hierbei die eigene Ängste ignorieren.

Sehr geprägt hat mich als achtjähriges Mädchen ein Bergerlebnis mit meiner jüngeren Schwester, die damals sechs Jahre alt war. Diese bekam beim Überqueren einer Gletscherspalte plötzlich Panik und ihre Beine zitterten völlig unkontrolliert: sie konnte nicht mehr weitergehen.
Nie werde ich den Gesichtsausdruck meines Vaters vergessen, welcher durch die Reaktion meiner Schwester selbst in Angst und Panik geriet und im ersten Moment nicht wusste, wie er mit dieser Krise umgehen soll. Er begann, auf meine Schwester einzureden, indem er damit drohte, was alles passieren würde, wenn sie nicht sofort weitergehe: „Je höher die Sonne steigt, desto mehr schmilzt das Eis und die Überquerung der Spalte wird immer gefährlicher.“ „Du bringst uns alle in Gefahr und wir werden verunglücken!“
Am Ende war die Angst vor den Drohungen meines Vaters größer als die Angst vor einem mögliche Absturz und meine Schwester ging weiter. Gelöst war die Angst meiner Schwester dadurch aber nicht. Bis heute meidet sie Klettersteige und das Hochgebirge.

Mein Vater hätte sich aber auch seine Verletzlichkeit und die Angst um seine Familie in diesem Moment eingestehen können. Es hätte sein Verständnis für die Angst meiner Schwester und sein Bestärken in ihre Fähigkeiten gebraucht, um ihr dadurch das notwendige Selbstvertrauen zu schenken, die Situation vorsichtig und in ihrem eigenen Tempo zu meistern.

Sowohl in meinem Beispiel als auch in der aktuellen Krise geht es um die Angst im Umgang mit einer realen Bedrohung.
Die Gletscherspalte kann tödlich sein, wenn man abstürzt. Auch das Corona-Virus bedeutet für viele Menschen den Tod. In beiden Fällen braucht es die persönliche Geistesgegenwart, die eigene Angst zu akzeptieren und sich selbst in Folge dessen in Verständnis und Geduld zu begegnen. Erst dann wird eine aktive Auseinandersetzung mit der Herausforderung möglich.
Hilfreich können hierbei meine Anregungen zur eigenen Instinktnatur im Zusammenhang mit COVID-19 sein, wie ich sie in meinem vorangehenden Blogeintrag beschrieben habe.

Abschließend möchte ich sagen, dass es für mich in der aktuellen Situation nicht darum geht, Angst oder keine Angst zu haben. Für mich geht es um ein Gleichgewicht zwischen Verletzlichkeit und Eigenmacht.
Erst wenn es gelingt, sich den eigenen wunden Punkt zuzugestehen, findet sich die Medizin in der persönlichen Lebenskraft, welche Selbstvertrauen und Veränderung bewirkt.

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