Über Bedürfnisse und Verletzlichkeit

Anna PaulusAllgemein, ZeitqualitätEinen Kommentar schreiben

Es ist das „Ich brauche“ oder „Ich brauche nichts“, sowie das „Ich habe“ oder „Ich habe nichts“, welches aktuell auf den Kopf gestellt wird.

Wir alle sind mit diesen Annahmen konfrontiert, unabhängig davon, ob wir bisher eigenständig und autonom oder unselbstständig und abhängig gelebt haben, ob wir durch die aktuelle Krise in Not geraten sind oder „Glück“ hatten und versorgt sind.

Menschen, welche in ihrer Autonomie verankert sind, haben sich oftmals eine Bedürfnislosigkeit zugelegt: „Ich brauche nichts, somit laufe ich auch nicht Gefahr, in eine emotionale Krise zu kommen.“
Damit einher geht oftmals eine Fassade von Unberührbarkeit und Distanz. Unbewusst hält man sein Umfeld auf Abstand, um so erst gar nicht in die innere Bedrängnis von „Ich brauche“ zu kommen.
Dem gegenüber stehen Menschen, welche auf ihre Bedürfnisse fixiert sind. Dies zeigt sich oftmals in einer Grundhaltung, in welcher man immer „geben“ muss, um zu „bekommen“. Dadurch ist man in ständiger Bereitschaft, die Erwartungen seines Umfeldes zu bedienen, um sich so die Erfüllung der eigenen Wünsche diplomatisch zu erarbeiten.

Beide Haltungen sind eine Flucht vor der Verbundenheit mit sich selbst. Erst durch die Würdigung und die Akzeptanz der eigenen Bedürfnisse gewinnt man Zugang zur eigenen Verletzlichkeit. Diese wird fühlbar, wenn wir uns ungeschminkt und ehrlich mit dem zeigen, was wir uns wünschen und was wir brauchen.
Das heißt: meist sind wir damit beschäftigt, unsere Wünsche und unser Wollen zu kontrollieren oder Strategien zur Erfüllung unserer Erwartungen zu entwickeln. So möchten wir der Leere und der Enttäuschung entgehen, welche dann auftaucht, wenn wir uns in die Stille und in die Notwendigkeit der eigenen Zuwendung begeben.
Eine emotionale Enge ist meist die Begleiterscheinung, wenn wir uns unseren Sehnsüchten und Bedürfnissen zuwenden. Diese gefühlte innere Not wird sich wenden, sobald wir erkennen, dass es nicht um eine Lösung im Außen geht.
Es geht nicht darum, nach dem ersehnten Platz in der Gemeinschaft oder nach liebevoller Zuwendung durch das Umfeld zu streben, sondern Akzeptanz der eigenen Empfindsamkeit und der eigenen Bedürftigkeit gegenüber zu schaffen. Dies bildet die Grundlage zur bedingungslosen Selbstliebe.
Erst dann kann man für sich selbst beurteilen, was man braucht oder nicht braucht, um sich geliebt und angenommen zu fühlen.

Die Achillesferse unseres Menschseins ist die Verletzlichkeit in unserem Wunsch nach Liebe. Wir sehnen uns nach liebevoller Zuwendung, um uns gesund entwickeln zu können, und gesund zu bleiben.
Interessant finde ich, dass wir „Brauchen“ und „Bitten“ meist nicht mit persönlicher Größe und emotionaler Freiheit in Verbindung bringen. Ganz im Gegenteil: je größer unser Bewusstsein wird und je mehr wir zu geistiger Unabhängigkeit gelangen, umso peinlicher werden uns oftmals die eigenen einfachen Bedürfnisse nach liebevoller Zuwendung und bedingungsloser Unterstützung, umso mehr suchen wir nach Rechtfertigungen und logischen Erklärungen für das, was wir uns von anderen wünschen, was wir brauchen, um uns wohl und sicher zu fühlen.
Sich mit den eigenen Bedürfnissen zu zeigen, ohne diese zu bemänteln, macht uns angreifbar. Damit laufen wir Gefahr, gedemütigt, kleingemacht, verurteilt, enttäuscht oder zurückgewiesen zu werden.

Hinter diesen Ängsten steckt jedoch die eigene Selbstverurteilung und Selbstbewertung.
Wir können uns unsere eigenen Bedürfnisse zugestehen und damit beginnen, uns ehrliche Fragen zu stellen:
Was fehlt mir wirklich? Was brauche ich wirklich?
Was gestehe ich mir an Wünschen und Bedürfnissen derzeit zu? Gibt es Tabus, welche ich mit ihnen verbinde?
Nutze ich die aktuelle Situation oder lenke ich mich ab?
Welche neuen Erfahrungsräume eröffnen sich mir und kann ich diese erkennen und annehmen?

Die Antworten hierauf gilt es, für sich selbst zu akzeptieren, auch wenn diese im Widerspruch zum eigenen Wollen stehen und zur Bedrohung für die eigene Komfortzone werden. Nur so lösen wir uns von einer künstliche Abhängigkeit, welche uns zu Gefangenen unseres „Haben-wollens“, „Haben-müssens“ und „Bestimmen-wollens“ macht. Nur so entlassen wir unser Umfeld aus der Rolle des „Verantwortlich-seins“ für unsere enttäuschten Erwartungen, unser eigenes Mangelempfinden oder für die eigenen Unzulänglichkeiten.

Damit meine ich nicht, dass wir niemanden mehr brauchen.
Ganz im Gegenteil: diese Eingeständnisse sind die Voraussetzung zur Akzeptanz von unserem „ich brauche“, jedoch nicht um den Preis der Kleinheit oder Abhängigkeit. Lediglich die Fixierung darauf, es auf eine bestimmte Art und Weise bekommen zu wollen, fällt weg. In der Folge dessen können wir die neuen Möglichkeiten nutzen, welche uns nun zur Verfügung stehen, und müssen uns nicht länger vor Enttäuschung und Zurückweisung fürchten oder dagegen ankämpfen.
Auch wenn dies vielleicht zu einer anfänglichen Überforderung in unseren widersprüchlichen Gefühlen führt, fühlen wir uns dennoch innerlich frei und friedvoll, da wir die eigenen wahrhaftigen Gefühle nicht mehr leugnen müssen, um Zuwendung und Liebe zu erfahren.

So geht es aktuell also nicht darum, ob ich „bekomme“ oder nicht. Es geht darum, was ich zu „geben“ habe und wie ich mir selbst in meinen Bedürfnissen dienen kann. Durch diese Haltung wird es mir möglich, völlig neue Wege zu erkennen und mich von selbst auferlegten Fesseln zu befreien.

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