Über die menschliche Identität

Anna PaulusZeitqualitätEinen Kommentar schreiben

Aus meiner Sicht befinden wir uns derzeit in einer weltweiten Identitätskrise. Also: wir, als Menschheit, sind auf der Suche nach unserer Identität.
Ganz langsam wächst das Bewusstsein in uns, dass wir vielleicht viel mehr das Produkt unserer vertrauten Gewohnheiten und künstlichen Abhängigkeiten sind, statt unsere wirkliche Bestimmung zu leben.

Als ich im Alter von 28 Jahren, während meines Astrologie Studiums, die Grundstruktur meines Wesens erkannte, glaubte ich zu wissen, wer ich bin. Ich dachte wirklich, ich sei am Ziel angekommen und stellte mir die Frage: „Und was jetzt?“.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es eines ist, etwas zu erkennen und zu wissen, und ein anderes, es zu durchleben und in dem eigene Erfahrungen zu machen. Um diejenige zu werden, die ich heute bin, musste und muss ich also meinen Weg gehen. Hierbei mache ich meine Lebenserfahrungen und in der Folge dessen reift und entfaltet sich meine Identität. Diese wirkt ohne Worte und braucht kein Rollenbild.

Für mich als Schütze-Frau war die größte Hürde zur Entfaltung meiner Persönlichkeit die, mich auf den Weg einzulassen und hierbei zu lernen, das Ziel loszulassen ohne es aufzugeben. Ich musste also das Vertrauen entwickeln, nicht forcieren zu müssen, um mein Ziel zu erreichen.

In anderen Worten: Die eigene Identität ist bereits zum Zeitpunkt der Geburt angelegt, wie eine Seerose, welche am Grunde des Teiches ihres Wurzeln hat und erst einmal im Dunklen und Verborgenen wächst. Die Pflanze wächst dem Licht an der Wasseroberfläche entgegen bis zum Zeitpunkt der Blüte. Dahinter steckt das Gesetz des natürlichen Wachstums, welches immer dem Licht entgegenstrebt.

Die Geschichte unseres Mensch-Seins ist davon geprägt, dass wir zu Beginn unserer irdischen Existenz der Natur ausgeliefert waren. In dem waren wir uns als Menschen der Macht unseres Geistes und der damit verbundenen Intelligenz noch nicht bewusst. Das heißt, wenn ich den Vergleich zur Seerose nehme, dass die Wurzeln unserer Menschheit, der Anfang unserer Geschichte, im Dunkel unseres Unbewussten liegen. Damit verbunden sind Erfahrungen von Unterwerfung und Entbehrung. Wir haben uns der Natur ausgeliefert und machtlos ihr gegenüber empfunden.
Auch wir Menschen folgen einem natürlichen Wachstum und streben in unserer Entwicklung dem Licht entgegen. So haben wir immer mehr an Bewusstsein gewonnen. Je mehr wir ins Licht kamen, umso mehr erschien uns das Dunkel unseres Unbewussten als primitiv. Wir erkannten, dass wir ertragsorientiert und erfolgreich in der Auseinandersetzung mit der Natur sein können, wenn wir unser Wissen einsetzen und uns so die Erde untertan machen. Es ist der Versuch, uns aus dem Los der Abhängigkeit von den Gesetzen des Lebens zu befreien.

So identifizieren wir uns heute über Macht und Kontrolle. Dahinter steckt das Ego in unserer Menschlichkeit, welches die Herausforderungen der Natur persönlich nimmt. Dieser Machtkampf mit dem Leben soll vor Schmerz und Ohnmacht vergangener Entbehrung schützen. Wir wollen damit einen Ausgleich schaffen für vergangene Einschränkungen.
Unser Umgang mit Natur ist der Spiegel für unsere persönlichen Beziehung zu uns selbst. Damit meine ich, dass wir auch mit der Natur unserer Persönlichkeit im Machtkampf sind. Meist wollen wir anders sein oder besser sein, als das „was“ und „wie“ wir sind. Dann beginnt das Formen, das Ausbeuten, das Beschneiden und der Missbrauch dem eigenen Selbst gegenüber. Wir kommen gar nicht auf die Idee, dass es vielleicht darum gehen könnte, uns selbst liebevoll an die Hand zu nehmen und dadurch zu lernen, Wachstum zu schützen und Grenzen zu akzeptieren.

Die Identitätskrise, von welcher ich eingangs geschrieben habe, bezieht sich aus dieser Sicht auf unsere Verantwortung dem Leben gegenüber. Ich glaube, dass wir hierzu verzeihen müssen: uns selbst und den Gegebenheiten der Erde.

In meiner eigenen Entwicklung war es unabdingbar meine eigene Wesensanlage anzunehmen. Erst mit dem Schritt, mich auf mich selbst einzulassen, habe ich damit begonnen, meinen Weg zu gehen. Erst dann konnte ich verzeihen, mir selbst und den Umständen meines Lebens. Somit wurde ich selbst verantwortlich für das, was ich kann und die, die ich bin. Meine eigene Natur war nicht mehr länger etwas, das es zu besiegen oder zu formen gilt. Ich erkannte, dass es um meine Einwilligung in eine ebenbürtige Partnerschaft mit dieser geht.

Als Beispiel möchte ich eine kurze Exkursion in meine Erfahrung in der Paarbegleitung machen. Immer wieder erlebe ich es, dass Paare weniger daran interessiert sind, aneinander zu wachsen, als vielmehr daran, den anderen zu Gunsten der eigenen Wünsche zu formen. Meine erste Frage an Paare ist daher die: Liebst du deinen Partner so, wie er jetzt gerade ist? Ohne die Aussicht auf Veränderung und auf das, was möglich oder unmöglich ist?
Nur, wenn es hierzu ein „Ja“ gibt, macht eine Begleitung aus meiner Sicht Sinn, da es für mich in einer ebenbürtigen Partnerschaft immer um Akzeptanz geht: Die Akzeptanz sich selbst und die Akzeptanz dem Partner gegenüber.

Interessant ist, dass viele Menschen Akzeptanz mit Hinnehmen verbinden und keinen Sinn sehen in etwas sehen, wenn es nichts zu erreichen gilt. Dahinter stecken vergangene Erfahrungen von Kleinheit und Ohnmacht.

Die Krise, in welcher wir als Menschheit stecken, fordert uns dazu auf, den Planeten Erde und alle Lebewesen als Partner zu verstehen. Lange Zeit haben wir unsere Identität damit verbunden, zu wissen wer wir sind und wissen was wir wollen. Wir haben uns über unsere Ziele und Projekte definiert. Hieraus resultierte ein lineares Denken. Mit der Eigenschaft des Dienen hat die Menschheit sich bisher nur ungern identifiziert.

Langsam begreifen wir, dass unser Zusammenleben mit der Natur nur funktionieren kann, wenn wir sie als ebenbürtigen Partner anerkennen.
Dies bedeutet: weder die Natur bestimmt uns, noch bestimmen wir die Natur. Es geht um die Akzeptanz von Grenzen, ohne, dass diese die menschliche Kleinheit bedeuten. Letztendlich sind wir nur ein Teil im natürlichen Kreislauf des Biokosmos „Leben“. Unser Wachstum ist nicht linear, es ist dynamisch und an Zyklen gebunden.

Nur auf der Grundlage dieses Wissen können wir gute und neue Wege gehen.
Die oberste Priorität muss unsere Verantwortung für ein ökonomisch und ökologisches Gleichgewicht haben. Hierfür soll unser Wissen über unser Bewusstsein genutzt werden. So nehmen wir eine neue Identität an.
Natur und Mensch sind dann nicht länger Gegner: beide können voneinander profitieren und beide können sich gegenseitig etwas geben. Die menschliche Herausforderung ist die Ebenbürtigkeit und das Loslassen von Machtgebaren.

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