„Richtige Entscheidungen“

Anna PaulusAllgemeinEinen Kommentar schreiben

„Richtige Entscheidungen“

In der Zeitschrift „Geo Wissen“, Ausgabe Nr. 64, las ich die Überschrift: „Richtig entscheiden. Die Kunst der guten Wahl“.
Das fand ich spannend, denn ich selbst habe mich im Laufe meines Lebens irgendwann von der Idee getrennt, meine Entscheidungen nach richtig oder falsch bewerten zu wollen.
Die wesentliche Erkenntnis für mich war, dass es darum geht, Entscheidungen zu treffen, ohne die Konsequenzen dieser zu bewerten.
Es sind die Erfahrungen, welche den Gewinn ausmachen, unabhängig vom Ausgang.

Eine solche Entscheidung war mein damaliger Umzug für die Liebe nach Hessen vor fast elf Jahren. Nach kurzer Zeit trennte sich mein damaliger Freund von mir.
In der ersten Phase der Trennung habe ich sehr mit mir gehadert und mich als gescheitert empfunden. Nachdem ich mir zu Beginn meines Umzuges meiner Entscheidung sehr sicher war, fiel es mir schwer, diese Wendung zu verstehen und zu akzeptieren. Ich fühlte mich vom Leben verraten und war in meinem Stolz gekränkt. Mit dieser „Fehlentscheidung“ hatte ich mein Gesicht verloren.

Schließlich erkannte ich aber, dass es sich nicht um eine falsche Entscheidung handelte. Der Schritt, ein neues Leben zu wagen, war wichtig für mich.
Meine Bewertung dieser Entscheidung veränderte sich damit komplett und ich begann zu erkennen, dass es um das Lernfeld meiner Selbstständigkeit und meiner Bewegungsfreiheit ging.

Es waren meine Erwartungen und meine Vorstellungen über die Art und Weise der Verwirklichung diesen neuen Schrittes, welche durch die Trennung enttäuscht wurden. Ab dem Zeitpunkt, an dem ich erkannte, dass ich meine Freiheit mit dieser Wahl gewonnen hatte, bekam ich neue Perspektiven und den Mut für weitere Entscheidungen.
Knapp fünf Jahre später entschied ich mich dann, nach Hamburg zu ziehen, alleine, ohne Anschluss, ohne Kontakte. Ich fühle mich bis heute unglaublich wohl hier und habe die Entscheidung nie bereut. Dieser Schritt wäre mir nicht möglich gewesen, hätte ich nicht zuvor den „Umweg“ über Hessen gemacht.
Ich vertraute in meine neu gewonnene Gewissheit, dass jede Richtung gut ist, solange ich mir selbst gegenüber aufrichtig bleibe, in dem, was ich gerade brauche oder in dem Moment stimmig für mich ist.

Eine weitere wichtige Erfahrung in meinem Leben war die bewusste Entscheidung zum „Nicht-Entscheiden“.
Nach meiner ersten Trennung von meinem damaligen Ehemann war ich mit der Entscheidung konfrontiert, ob ich das gemeinsame Haus behalten oder ausziehen wolle.

Zuerst traf ich die Entscheidung, das Haus zu behalten.
Einen Tag vor dem Termin bei der Bank bekam ich Zweifel und konnte die Unterzeichnung des Kredits nicht mehr tragen.
Ich entschied mich dagegen und für das „ich weiß es noch nicht“. In dieser Freiheit konnte ich mich innerlich erstmal zurücklehnen, loslassen und mich auf das Hier und Jetzt einlassen.
Kurze Zeit später eröffnete sich eine neue Option, welche sich dann auf einmal stimmig und richtig für mich anfühlte.
Ich beschloss, nach Hessen zu ziehen.

Rückblickend bin ich fasziniert davon, wie all diese Entscheidungen letztlich richtig waren, auch wenn sie sich in der Konsequenz manchmal falsch anfühlten.
Jeder dieser Schritte hat mich mehr zu mir und zu dem geführt, wer ich bin, dahin wo ich mich wohl fühle und an den Platz, an dem ich aktuell sein möchte.

Werde der, der du bist.

Ich denke, das ist nur möglich, wenn du beginnst, deinen eigenen Weg zu gehen, mit all seinen Irrwegen und dem allgegenwärtigem Risiko des Scheiterns.

Ein weiteres Beispiel hierfür ist meine Tochter. Sie hatte sich direkt nach dem Abitur für ein Aupair-Jahr in den USA entschieden. Voller Enthusiasmus startete sie in ihr Auslandsjahr, nur um es nach kürzester Zeit wieder abzubrechen. Zurück in Deutschland, entschied sie sich für ein Anglistik-Studium. Doch auch hier fühlte sie sich nicht wirklich wohl und ließ ihr Studium nach nur zwei Semestern wieder fallen. Ein sechswöchiges Praktikum bei einer Plattenfirma beendete sie nach nur einer Woche.

Aus meiner Sicht war keine ihrer Entscheidungen falsch, auch wenn sie sich in ihrer Konsequenz als „nicht das Richtige“ herausstellten. Jeder einzelne Schritt war eine Erfahrung für meine Tochter und hat in ihr die Gewissheit darüber geformt, was ihr gefällt und was ihr nicht gefällt. Man lernt durchs Ausprobieren. Manchmal muss man einfach erstmal „machen“, um dann festzustellen: ist das überhaupt mein Ding? Es gibt dann kein „Was wäre wenn?“ und „Hätte ich doch nur“, sondern ein: „Und was mache ich jetzt?“

Bin ich eine verantwortungsvolle Mutter, wenn ich meine Kinder dazu ermutige, Entscheidungen zu treffen, ohne sie als richtig oder falsch zu bewerten, sondern mit der Motivation, dem zu folgen, was die eigene Leidenschaft und die aktuelle Neugierde weckt?

Am Ende dieses Findungsprozesses hat meine Tochter sich für ihre Leidenschaft entschieden und die Musik zu ihrem Beruf gemacht. Den Mut dazu hätte sie vermutlich nicht gehabt, wäre sie nicht die „Umwege“ gegangen und hätte sich vergewissert, dass das Andere nichts für sie ist.

Ich denke, dass wir als Gesellschaft so besessen von der Idee von „richtigen“ Entscheidungen sind, weil wir möglichst schnell und ohne Umwege am Ziel sein wollen, um so die auf uns projizierte Norm von Professionalität und Souveränität zu erfüllen.
Vielleicht ist der größte Luxus unserer aktuellen Gesellschaft der Besitz von Zeit. Diese schenkt uns die Geduld, die Dinge sich selbst entfalten zu lassen.

Die Voraussetzung hierfür ist jedoch die Bereitschaft, sich immer wieder neu zu entscheiden, ohne in der Abhängigkeit von der Wertung ob richtig oder falsch hängen zu bleiben.
Jede Entscheidung bringt Bewegung und neue Lernfelder mit sich. So entfaltet sich der eigene Lebensweg und die eigene Wesensnatur ganz selbstverständlich.

Kreativität ist der Prozess, welcher aus dem Mut zur Entscheidung entsteht.

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