Ausblick 2021

Anna PaulusZeitqualitätEinen Kommentar schreiben

Im letzten Jahr standen unsere eigenen Bedürfnisse und das zurück geworfen sein auf diese, im Fokus. Damit verbunden ging es um die Rückbesinnung auf die „Einfachheit“ und die Auseinandersetzung mit der Angst um die eigene Existenz.

Hierbei galt es, die Schwelle hinein in die Tiefe der eigenen Gefühlswelt zu übertreten. Es lag an jedem von uns selbst, den erzwungenen Stillstand und die Isolation zur Konzentration auf das Wesentliche zu nutzen oder nicht.

Aus diesen Erfahrungen heraus sollte sich für uns herauskristallisiert haben, wo die weitere persönliche Reise hingeht und in welchen Lebensbereichen es zu Veränderungen kommen wird und vielleicht auch kommen muss.

Hierbei geht es vor allem um die Befreiung innerer Fesseln, welche an bisherige Konventionen und gesellschaftliche Rollenbilder binden.

Die Fragen, welche in diesem Zusammenhang auftauchen, sind:

– Lebe ich meiner Art, meiner Natur, gerecht?
– Welche Möglichkeiten zur Entfaltung dieser habe ich?
– Welches Kapital, welche innere Ressourcen, stehen mir zur Verfügung?
– Was hindert mich daran, mich damit zu zeigen?
– Wovor fürchte ich mich, wenn ich mein Leben nach meiner eigenen Idee
gestalte?

Die Antworten hierauf sind vielleicht mit Ängsten und eigenen Widerständen verbunden. Meist sind es gerade unsere Besonderheiten, welche vom Umfeld und von uns selbst im ersten Moment abgelehnt werden. Unsere Spezialitäten und Eigenheiten erscheinen uns oftmals nicht passend, um im bestehenden Gesellschaftssystem zu funktionieren oder von Anderen akzeptiert und geliebt zu werden und wir beginnen, diese Seite vor den Anderen zu verstecken. Machmal empfinden wir uns gar als „Fake“ oder „nicht wahr“, wenn wir uns mit der eigenen Andersartigkeit zeigen und diese im Leben verwirklichen wollen.

Wir sehnen uns nach mehr Freiheit und Selbstbestimmung in unserem täglichen Erleben. Zugleich fürchten wir uns davor, dem eigenen Rhythmus zu folgen.
Es ist Zeit, die Kontrolle loszulassen, um so der eigenen natürlichen Entfaltung die Führung zu überlassen. Damit willigen wir ein, dass wir nicht länger an einem „ich will“ festhalten, sondern uns dem „ich bin“ öffnen.

Es ist also ein Jahr, in welchem wir nicht mehr an unserer wahren Natur vorbeikommen. Der grundlegenden existenziellen Erschütterung der letzten Monate folgt nun der Einsturz bisheriger Konstrukte und Lebensmodelle, welche nicht mehr im Einklang mit der eigenen angelegten Lebensform sind.

Die eigene Komfortzone existiert nicht mehr. Die Chance, welche uns damit gegeben wird, ist das Abenteuer Leben. Es gilt also, Neues zu wagen und Mut zu entwickeln, für das Experiment.

Es geht also in den kommenden Monaten darum, die Hürden zu meistern, welche auftauchen, wenn wir uns mit unserer Andersartigkeit zeigen. Hierbei sind wir gefordert uns selbst wert zu schätzen, um so beherzt in die eigenen Ideen und die Möglichkeiten, welche damit verbunden sind, zu investieren.
Das heißt, wir können uns selbst vertrauen und uns selbst eine gute Kameradin, ein guter Kamerad werden. Zugleich sind wir nach wie vor in der Auseinandersetzung mit den eigenen Unsicherheiten, Selbstzweifeln und dem „noch nicht wissen wie“ gefordert.

Ist es in den letzten Monaten gelungen, trotz der Krise den Ruhepol der eigenen inneren Basis zu nutzen, so werden diese Momente von innerer Enge und äußerem Druck, von Kreativität und Inspiration, geprägt sein und damit einhergehend ein tiefes Gefühl von: „Ich werde vom Leben getragen und bin von der inneren Stimme geführt.“

Jedoch erlebt man diese Phasen als „dunklen Zauberwald“, wenn immer noch der Wunsch nach der Erlösung von der Krise im Vordergrund steht. Dann steuern die innere Ohnmacht und das Gefühl von Fremdbestimmung das eigene Erleben in den Herausforderungen des Alltags. Hier gilt es trotz der inneren Befangenheit zu erkennen, dass es um die Lebensumkehr geht. Die Tür, welche zur Befreiung führt, ist das Zutrauen in das eigene innere Fundament.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, doch der Zauber muss erkannt und angenommen werden, damit die Magie, welche in diesem Jahr liegt, wirksam werden kann…

So wünsche ich euch ein inspirierendes und magisches neues Jahr 2021.

Weihnachten: das Fest der Liebe

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Vielleicht ist dieses Weihnachten im Jahr 2020 mehr „Weihnachten“ als wir denken.

Die Idee von Besinnlichkeit und Gemeinsamkeit, welche hinter diesem Fest steht, wird uns mehr denn je bewusst.

Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen und darin auch damit konfrontiert, die Realität zuzulassen. Das heißt: der aktuelle Stillstand und die erzwungene Isolation schenken uns „Extra-Zeit“ zur Besinnung.

Die Versuchung hierbei liegt darin, sich lieber in die Illusion eigener Wunschvorstellungen von der Zeit nach der Krise zu begeben oder die Schuld und die Verantwortung über das aktuelle Geschehen im Außen zu suchen. Damit fühlen wir uns erst einmal frei und aktiv.

Beides jedoch ist die Flucht vor unserer eigenen Verantwortung, welche darin besteht, die eigenen Fesseln zu erkennen, die jeden von uns in sich selbst binden.

Diese innere Einengung wird deutlich fühlbar, wenn wir uns der Ohnmacht, der Verzweiflung, der Existenzangst, der Enttäuschung, der Traurigkeit und dem Schmerz, welche in der Stille in uns auftauchen, zuwenden. In diesem Moment sind wir gefordert, die tief empfundene Fremdbestimmung in uns zuzulassen und uns der Dunkelheit anzuvertrauen, welche im ersten Schritt dieser Öffnung in uns hervorkommt.

Hinter dieser Enge wartet ein Geschenk, welches in der Krise für uns alle steckt. Die Investition, welche es hierzu braucht, ist das eigene Mitgefühl, die Geduld und die Fürsorge der eigenen Not gegenüber. Denn dann taucht in der Leere, im Alleinsein, plötzlich das innere Licht auf und beginnt, das Herz zu erwärmen. Diese Berührung schenkt uns das tiefe Gefühl von Geborgenheit und unser Herz beginnt, das Ruder zu übernehmen.

Aus dieser Haltung heraus sind wir fähig, wirkliches Mitgefühl und Geduld aufzubringen und es gelingt uns, uns selbst und das eigene Wollen nicht so wichtig zu nehmen. So sind wir fähig, für die Gemeinsamkeit Opfer zu bringen und uns in dem Teil vom „großen Ganzen“ zu fühlen.

Es ist schön, unsere Liebe über Geschenke und körperliche Zuwendung zu zeigen, doch wir sind nicht abhängig davon. Wir sind fähig, unsere Liebe durch liebevolle Gedanken und durch die Verbundenheit in unserem Herzen auszudrücken. Das kommt an, im Herzen eines Anderen und fühlt sich an wie eine warme Decke, die einhüllt, und welche Zuversicht und Geborgenheit schenkt.

Ich möchte euch ermutigen, diese herausfordernde Zeit zu nutzen, um das Licht in eurem Herzen anzumachen, damit die Liebe fließen kann.

Die letzte Kerze ist die Hoffnung und diese wartet nur darauf, in jedem von uns angezündet zu werden. Also habt den Mut, ein Lichtbringer zu sein.

Ich wünsche euch ein berührendes und stilles Weihnachten.

Von Herzen Anna

Über die menschliche Identität

Anna PaulusZeitqualitätEinen Kommentar schreiben

Aus meiner Sicht befinden wir uns derzeit in einer weltweiten Identitätskrise. Also: wir, als Menschheit, sind auf der Suche nach unserer Identität.
Ganz langsam wächst das Bewusstsein in uns, dass wir vielleicht viel mehr das Produkt unserer vertrauten Gewohnheiten und künstlichen Abhängigkeiten sind, statt unsere wirkliche Bestimmung zu leben.

Als ich im Alter von 28 Jahren, während meines Astrologie Studiums, die Grundstruktur meines Wesens erkannte, glaubte ich zu wissen, wer ich bin. Ich dachte wirklich, ich sei am Ziel angekommen und stellte mir die Frage: „Und was jetzt?“.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es eines ist, etwas zu erkennen und zu wissen, und ein anderes, es zu durchleben und in dem eigene Erfahrungen zu machen. Um diejenige zu werden, die ich heute bin, musste und muss ich also meinen Weg gehen. Hierbei mache ich meine Lebenserfahrungen und in der Folge dessen reift und entfaltet sich meine Identität. Diese wirkt ohne Worte und braucht kein Rollenbild.

Für mich als Schütze-Frau war die größte Hürde zur Entfaltung meiner Persönlichkeit die, mich auf den Weg einzulassen und hierbei zu lernen, das Ziel loszulassen ohne es aufzugeben. Ich musste also das Vertrauen entwickeln, nicht forcieren zu müssen, um mein Ziel zu erreichen.

In anderen Worten: Die eigene Identität ist bereits zum Zeitpunkt der Geburt angelegt, wie eine Seerose, welche am Grunde des Teiches ihres Wurzeln hat und erst einmal im Dunklen und Verborgenen wächst. Die Pflanze wächst dem Licht an der Wasseroberfläche entgegen bis zum Zeitpunkt der Blüte. Dahinter steckt das Gesetz des natürlichen Wachstums, welches immer dem Licht entgegenstrebt.

Die Geschichte unseres Mensch-Seins ist davon geprägt, dass wir zu Beginn unserer irdischen Existenz der Natur ausgeliefert waren. In dem waren wir uns als Menschen der Macht unseres Geistes und der damit verbundenen Intelligenz noch nicht bewusst. Das heißt, wenn ich den Vergleich zur Seerose nehme, dass die Wurzeln unserer Menschheit, der Anfang unserer Geschichte, im Dunkel unseres Unbewussten liegen. Damit verbunden sind Erfahrungen von Unterwerfung und Entbehrung. Wir haben uns der Natur ausgeliefert und machtlos ihr gegenüber empfunden.
Auch wir Menschen folgen einem natürlichen Wachstum und streben in unserer Entwicklung dem Licht entgegen. So haben wir immer mehr an Bewusstsein gewonnen. Je mehr wir ins Licht kamen, umso mehr erschien uns das Dunkel unseres Unbewussten als primitiv. Wir erkannten, dass wir ertragsorientiert und erfolgreich in der Auseinandersetzung mit der Natur sein können, wenn wir unser Wissen einsetzen und uns so die Erde untertan machen. Es ist der Versuch, uns aus dem Los der Abhängigkeit von den Gesetzen des Lebens zu befreien.

So identifizieren wir uns heute über Macht und Kontrolle. Dahinter steckt das Ego in unserer Menschlichkeit, welches die Herausforderungen der Natur persönlich nimmt. Dieser Machtkampf mit dem Leben soll vor Schmerz und Ohnmacht vergangener Entbehrung schützen. Wir wollen damit einen Ausgleich schaffen für vergangene Einschränkungen.
Unser Umgang mit Natur ist der Spiegel für unsere persönlichen Beziehung zu uns selbst. Damit meine ich, dass wir auch mit der Natur unserer Persönlichkeit im Machtkampf sind. Meist wollen wir anders sein oder besser sein, als das „was“ und „wie“ wir sind. Dann beginnt das Formen, das Ausbeuten, das Beschneiden und der Missbrauch dem eigenen Selbst gegenüber. Wir kommen gar nicht auf die Idee, dass es vielleicht darum gehen könnte, uns selbst liebevoll an die Hand zu nehmen und dadurch zu lernen, Wachstum zu schützen und Grenzen zu akzeptieren.

Die Identitätskrise, von welcher ich eingangs geschrieben habe, bezieht sich aus dieser Sicht auf unsere Verantwortung dem Leben gegenüber. Ich glaube, dass wir hierzu verzeihen müssen: uns selbst und den Gegebenheiten der Erde.

In meiner eigenen Entwicklung war es unabdingbar meine eigene Wesensanlage anzunehmen. Erst mit dem Schritt, mich auf mich selbst einzulassen, habe ich damit begonnen, meinen Weg zu gehen. Erst dann konnte ich verzeihen, mir selbst und den Umständen meines Lebens. Somit wurde ich selbst verantwortlich für das, was ich kann und die, die ich bin. Meine eigene Natur war nicht mehr länger etwas, das es zu besiegen oder zu formen gilt. Ich erkannte, dass es um meine Einwilligung in eine ebenbürtige Partnerschaft mit dieser geht.

Als Beispiel möchte ich eine kurze Exkursion in meine Erfahrung in der Paarbegleitung machen. Immer wieder erlebe ich es, dass Paare weniger daran interessiert sind, aneinander zu wachsen, als vielmehr daran, den anderen zu Gunsten der eigenen Wünsche zu formen. Meine erste Frage an Paare ist daher die: Liebst du deinen Partner so, wie er jetzt gerade ist? Ohne die Aussicht auf Veränderung und auf das, was möglich oder unmöglich ist?
Nur, wenn es hierzu ein „Ja“ gibt, macht eine Begleitung aus meiner Sicht Sinn, da es für mich in einer ebenbürtigen Partnerschaft immer um Akzeptanz geht: Die Akzeptanz sich selbst und die Akzeptanz dem Partner gegenüber.

Interessant ist, dass viele Menschen Akzeptanz mit Hinnehmen verbinden und keinen Sinn sehen in etwas sehen, wenn es nichts zu erreichen gilt. Dahinter stecken vergangene Erfahrungen von Kleinheit und Ohnmacht.

Die Krise, in welcher wir als Menschheit stecken, fordert uns dazu auf, den Planeten Erde und alle Lebewesen als Partner zu verstehen. Lange Zeit haben wir unsere Identität damit verbunden, zu wissen wer wir sind und wissen was wir wollen. Wir haben uns über unsere Ziele und Projekte definiert. Hieraus resultierte ein lineares Denken. Mit der Eigenschaft des Dienen hat die Menschheit sich bisher nur ungern identifiziert.

Langsam begreifen wir, dass unser Zusammenleben mit der Natur nur funktionieren kann, wenn wir sie als ebenbürtigen Partner anerkennen.
Dies bedeutet: weder die Natur bestimmt uns, noch bestimmen wir die Natur. Es geht um die Akzeptanz von Grenzen, ohne, dass diese die menschliche Kleinheit bedeuten. Letztendlich sind wir nur ein Teil im natürlichen Kreislauf des Biokosmos „Leben“. Unser Wachstum ist nicht linear, es ist dynamisch und an Zyklen gebunden.

Nur auf der Grundlage dieses Wissen können wir gute und neue Wege gehen.
Die oberste Priorität muss unsere Verantwortung für ein ökonomisch und ökologisches Gleichgewicht haben. Hierfür soll unser Wissen über unser Bewusstsein genutzt werden. So nehmen wir eine neue Identität an.
Natur und Mensch sind dann nicht länger Gegner: beide können voneinander profitieren und beide können sich gegenseitig etwas geben. Die menschliche Herausforderung ist die Ebenbürtigkeit und das Loslassen von Machtgebaren.

Über Bedürfnisse und Verletzlichkeit

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Es ist das „Ich brauche“ oder „Ich brauche nichts“, sowie das „Ich habe“ oder „Ich habe nichts“, welches aktuell auf den Kopf gestellt wird.

Wir alle sind mit diesen Annahmen konfrontiert, unabhängig davon, ob wir bisher eigenständig und autonom oder unselbstständig und abhängig gelebt haben, ob wir durch die aktuelle Krise in Not geraten sind oder „Glück“ hatten und versorgt sind.

Menschen, welche in ihrer Autonomie verankert sind, haben sich oftmals eine Bedürfnislosigkeit zugelegt: „Ich brauche nichts, somit laufe ich auch nicht Gefahr, in eine emotionale Krise zu kommen.“
Damit einher geht oftmals eine Fassade von Unberührbarkeit und Distanz. Unbewusst hält man sein Umfeld auf Abstand, um so erst gar nicht in die innere Bedrängnis von „Ich brauche“ zu kommen.
Dem gegenüber stehen Menschen, welche auf ihre Bedürfnisse fixiert sind. Dies zeigt sich oftmals in einer Grundhaltung, in welcher man immer „geben“ muss, um zu „bekommen“. Dadurch ist man in ständiger Bereitschaft, die Erwartungen seines Umfeldes zu bedienen, um sich so die Erfüllung der eigenen Wünsche diplomatisch zu erarbeiten.

Beide Haltungen sind eine Flucht vor der Verbundenheit mit sich selbst. Erst durch die Würdigung und die Akzeptanz der eigenen Bedürfnisse gewinnt man Zugang zur eigenen Verletzlichkeit. Diese wird fühlbar, wenn wir uns ungeschminkt und ehrlich mit dem zeigen, was wir uns wünschen und was wir brauchen.
Das heißt: meist sind wir damit beschäftigt, unsere Wünsche und unser Wollen zu kontrollieren oder Strategien zur Erfüllung unserer Erwartungen zu entwickeln. So möchten wir der Leere und der Enttäuschung entgehen, welche dann auftaucht, wenn wir uns in die Stille und in die Notwendigkeit der eigenen Zuwendung begeben.
Eine emotionale Enge ist meist die Begleiterscheinung, wenn wir uns unseren Sehnsüchten und Bedürfnissen zuwenden. Diese gefühlte innere Not wird sich wenden, sobald wir erkennen, dass es nicht um eine Lösung im Außen geht.
Es geht nicht darum, nach dem ersehnten Platz in der Gemeinschaft oder nach liebevoller Zuwendung durch das Umfeld zu streben, sondern Akzeptanz der eigenen Empfindsamkeit und der eigenen Bedürftigkeit gegenüber zu schaffen. Dies bildet die Grundlage zur bedingungslosen Selbstliebe.
Erst dann kann man für sich selbst beurteilen, was man braucht oder nicht braucht, um sich geliebt und angenommen zu fühlen.

Die Achillesferse unseres Menschseins ist die Verletzlichkeit in unserem Wunsch nach Liebe. Wir sehnen uns nach liebevoller Zuwendung, um uns gesund entwickeln zu können, und gesund zu bleiben.
Interessant finde ich, dass wir „Brauchen“ und „Bitten“ meist nicht mit persönlicher Größe und emotionaler Freiheit in Verbindung bringen. Ganz im Gegenteil: je größer unser Bewusstsein wird und je mehr wir zu geistiger Unabhängigkeit gelangen, umso peinlicher werden uns oftmals die eigenen einfachen Bedürfnisse nach liebevoller Zuwendung und bedingungsloser Unterstützung, umso mehr suchen wir nach Rechtfertigungen und logischen Erklärungen für das, was wir uns von anderen wünschen, was wir brauchen, um uns wohl und sicher zu fühlen.
Sich mit den eigenen Bedürfnissen zu zeigen, ohne diese zu bemänteln, macht uns angreifbar. Damit laufen wir Gefahr, gedemütigt, kleingemacht, verurteilt, enttäuscht oder zurückgewiesen zu werden.

Hinter diesen Ängsten steckt jedoch die eigene Selbstverurteilung und Selbstbewertung.
Wir können uns unsere eigenen Bedürfnisse zugestehen und damit beginnen, uns ehrliche Fragen zu stellen:
Was fehlt mir wirklich? Was brauche ich wirklich?
Was gestehe ich mir an Wünschen und Bedürfnissen derzeit zu? Gibt es Tabus, welche ich mit ihnen verbinde?
Nutze ich die aktuelle Situation oder lenke ich mich ab?
Welche neuen Erfahrungsräume eröffnen sich mir und kann ich diese erkennen und annehmen?

Die Antworten hierauf gilt es, für sich selbst zu akzeptieren, auch wenn diese im Widerspruch zum eigenen Wollen stehen und zur Bedrohung für die eigene Komfortzone werden. Nur so lösen wir uns von einer künstliche Abhängigkeit, welche uns zu Gefangenen unseres „Haben-wollens“, „Haben-müssens“ und „Bestimmen-wollens“ macht. Nur so entlassen wir unser Umfeld aus der Rolle des „Verantwortlich-seins“ für unsere enttäuschten Erwartungen, unser eigenes Mangelempfinden oder für die eigenen Unzulänglichkeiten.

Damit meine ich nicht, dass wir niemanden mehr brauchen.
Ganz im Gegenteil: diese Eingeständnisse sind die Voraussetzung zur Akzeptanz von unserem „ich brauche“, jedoch nicht um den Preis der Kleinheit oder Abhängigkeit. Lediglich die Fixierung darauf, es auf eine bestimmte Art und Weise bekommen zu wollen, fällt weg. In der Folge dessen können wir die neuen Möglichkeiten nutzen, welche uns nun zur Verfügung stehen, und müssen uns nicht länger vor Enttäuschung und Zurückweisung fürchten oder dagegen ankämpfen.
Auch wenn dies vielleicht zu einer anfänglichen Überforderung in unseren widersprüchlichen Gefühlen führt, fühlen wir uns dennoch innerlich frei und friedvoll, da wir die eigenen wahrhaftigen Gefühle nicht mehr leugnen müssen, um Zuwendung und Liebe zu erfahren.

So geht es aktuell also nicht darum, ob ich „bekomme“ oder nicht. Es geht darum, was ich zu „geben“ habe und wie ich mir selbst in meinen Bedürfnissen dienen kann. Durch diese Haltung wird es mir möglich, völlig neue Wege zu erkennen und mich von selbst auferlegten Fesseln zu befreien.

Über die Kraft der inneren Stimme

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Auf der einen Seite gibt es Wissen in Form von Analyse und Fakten, der Wissenschaft zugeordnet, auf der anderen Seite gibt es Wissen in Form von Gefühl. Hier sagt mir meine innere Stimme, ob sich etwas gut und stimmig oder falsch und verdreht anfühlt.

Wir alle werden mit einer gesunden inneren Stimme geboren. Das heißt: jeder von uns trägt bereits eine individuelle Unterscheidungsfähigkeit und hieraus folgende Urteilskraft in sich. Diese Grundhaltung basiert auf den eigenen Werten und den damit verbundenen Bedürfnissen. Jeder Mensch braucht also für seine persönliche Entwicklung etwas anderes. Die innere Stimme weiß, was die eigene Persönlichkeit nährt, heilt und sie wachsen lässt.

Allerdings werden wir auch in eine bestimmte Familie und Kultur hineingeboren, welche uns prägt. Dadurch wird das eigene Wissen im Laufe unseres Heranwachsen immer mehr durch das Denken der Gemeinschaft, der Familie und der Kultur überlagert und eingefärbt.
So verlieren wir das natürliche Vertrauen in unsere eigene Stimme, besonders wenn diese nicht mit dem Allgemeinwissen oder mit der Meinung des näheren Umfeldes übereinstimmt.
Zugleich gibt es meist wenig offene Reibungsfläche im Austausch innerhalb der Gemeinschaft, die dazu führen könnte, die eigene Meinung zu überprüfen und hierbei zu lernen, durch Kritik und Ablehnung innerlich zu reifen und somit zu einem gesunden Verständnis über sich selbst und den eigenen Platz in der Welt zu kommen.

Ob ich es wage, meiner inneren Stimme zu folgen, oder mich an der Meinung von Autoritären orientiere, ist abhängig vom jeweiligen Grad der eigenen inneren Freiheit. Die eigene Freiheit zu leben hat allerdings meist den Preis, dass man auf sich selbst gestellt ist. Man muss also das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Harmonie und Sicherheit durch Rückhalt loslassen.

Als ich zwölf Jahre alt war, verspürte ich den Wunsch nach einem Rückzugsraum in Form eines eigenen Zimmers. Das geteilte Zimmer mit meiner jüngeren Schwester wurde mir „zu eng“. Nach vielen Diskussionen mit meinen Eltern, welche immer mit einem Nein endeten, beschloss ich, das vorhandene, stets leerstehende Gästezimmer „zu besetzen“. Es folgten zwei Wochen, in denen meine Eltern versuchten, durch Entzug von Komfort – die Tür zum Treppenhaus blieb nachts offen, ich durfte meine eigene Bettdecke nicht benutzen, usw… – das Gästezimmer zu retten. Meine Beharrlichkeit war am Ende aber stärker und ich bekam mein eigenes Reich.

Dies war eine prägende Erfahrung für mich. Es war nicht einfach, zwei Wochen mit dem „Entzug“ zurechtzukommen. Doch meine innere Stimme war fest und ich fühlte die Dringlichkeit hinter meinem Anliegen. Es ging nicht um einen Machtkampf, sondern um das tatsächliche Bedürfnis nach Freiraum. Dadurch lernte ich, dass es sich lohnt, den Preis von Entbehrung zu zahlen, um dadurch einen Wunsch zu verwirklichen.

Auch später in meinem Leben habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ich mich gegen Autoritäten wie Ärzte oder Lehrer mit meiner eigenen Stimme stellen kann, wenn sich deren Meinung für mich nicht stimmig anfühlt. Auch hier war die Erkenntnis: Ich musste durch den Engpass von „Allein-Sein“ und „auf-mich-selbst-gestellt-sein“ hindurchgehen, um am Ende Respekt und Anerkennung zu bekommen.

Ich spreche hier übrigens nicht von dem Leid, welches oftmals mit einer Fixierung auf materielle Werte oder Rollenbilder einhergeht und Menschen in Ohnmacht und Verzweiflung hält.
Die innere Stimme weist den Weg zu dem, was ich brauche, um mich selbst verwirklichen zu können. Sie ermutigt, die- oder derjenige zu werden, welche oder welcher man in der eigenen Wesensanlage wirklich ist. Der gesunde innere Impuls steht oftmals in großem Widerspruch zu dem, was man gerne sein möchte oder was man glaubt, sein zu müssen, um Erfolg, Wohlstand und Anerkennung zu erlangen.

Der inneren Stimme zu folgen bedeutet also, weder die Tatsachen einer Situation oder das eigene Selbst zu leugnen, noch sich der eigenen Stimmungslage zur Verfügung zu stellen. Es ist ein innerer Impuls, welcher wider besseren Wissens sagt: „Nein, tu das nicht“ oder „Ja, das ist es“. Dafür gibt es keine Erklärung und wenn ich diesem Impuls nicht folge, dann bleibe ich mir selbst nicht treu. Diese Haltung ist die Grundlage zur Unterscheidungsfähigkeit: Die Fähigkeit zur Reflexion und die Gabe, sich selbst zu versorgen. Anders formuliert: ich bin fähig, meine eigenen Motivationen zu hinterfragen und mich in den damit einhergehenden Empfindungen, wie beispielsweise Frustration, Mangel oder Scham, zu halten.

Je herausfordernder die Umstände, umso wichtiger ist der eigene Kopf. Dies kann man in der aktuellen Krise, welche unseren Alltag derzeit bestimmt, gut beobachten. Die Phase der Informationsflut ist vorbei, nun befinden wir uns in der Phase des „noch nicht wissen“. Beides verunsichert: zu viel Information und zu wenig Information.
Fragen, die in diesem Zusammenhang auftauchen, sind: Wem kann man glauben? Was ist wahr an all dem, was mich über die Medien erreicht? Was bedeutet all dies für die Zukunft? Wann wird unser Leben wieder normal?

Letztens habe ich eine Frage an York Hovest (Fotomodell, Fotograf und Umweltaktivist), welcher mit Dalai Lama befreundet ist, im Eins zu Eins Talk des Bayrischen Rundfunk gehört. Die Frage des Moderators: „Herr Hovest, was denken sie würde uns der Dalai Lama zum Umgang mit dem Virus raten?“. Seine Antwort: „Nüchternheit und Mitgefühl“. Einfach genial.

Für mich brachte Hovests Antwort die Lage auf den Punkt: Es geht darum, sich selbst in den eigenen Befindlichkeiten nicht zu wichtig zu nehmen, sich aber trotzdem die notwendige Zuwendung zu geben, die man braucht. Einen Zugang zur eigenen Wahrheit findet man, wenn man mit sich selbst im Frieden ist.

Ich glaube, die wirkliche große Herausforderung, welche derzeit mit dem Lockdown und den noch folgenden Konsequenzen einhergeht, ist die, sich selbst nicht zu bewerten und zu verurteilen für die eigenen Bedürfnisse und Wünsche, aber auch nicht in die kleinen und großen Dramen zu verfallen, welche damit einhergehen.
Beides verhindert den Zugang zur eigenen inneren Stimme.

Über den Umgang mit Angst vor COVID-19

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Mit diesem Blogeintrag möchte ich noch einmal Bezug nehmen zu meinem vorherigen Blogeintrag, vom 17.03.2020.

In den letzten Tagen haben mich immer wieder Nachrichten erreicht mit dem Aufruf, dem Virus mit Liebe und der Entmachtung der eigenen Angst zu begegnen: Das Virus, sei ein Gespenst unserer Angst und Vorstellung.
Ich persönlich verspüre hinter diesen Botschaften nicht weniger Angst als in der Auffassung derjenigen, die den Virus als größte Bedrohung der Menschheit unserer Zeit einstufen und die Herausforderungen im Umgang mit dem Virus gar als Krieg definieren. Beides ist aus meiner Sicht, der der Lebens-Alpinistin, eine Leugnung der Realität und ein menschlicher Versuch, einen Umgang mit der Situation zu finden.

Das Virus ist keine Strafe. Es ist einfach da und zeigt uns die menschliche Ohnmacht im Angesicht der Natur. In dem erleben wir gerade ganz konkret, in Form der Auswirkungen des Virus, wie es sich anfühlt, wenn die Natur uns ihre Macht zeigt.
So bekommt die Klimaschutz-Bewegung der vorangegangenen Monate ein völlig neues Gewicht. Wir beginnen, die Auswirkungen unserer Lebensweise auf die Natur zu begreifen. Ebenso wird uns bewusst, dass Solidarität nicht vor der eigenen Haustür enden kann, privat sowie auch national.
Wenn wir also jedes einzelne Menschenleben schützen und retten wollen, dann erkennen wir, wo wir in der Vergangenheit diese Menschlichkeit geleugnet und vergessen haben. Beispielsweise denken wir an die vielen Flüchtlinge, welche im Meer ertrunken sind oder in Flüchtlingslagern starben, und immer noch weiter sterben.
Hier haben wir bisher die Menschlichkeit missen lassen und die Augen davor verschlossen, dass auch hier jedes einzelne Menschenleben geschützt werden muss.

All diese bewussten und unbewussten Erkenntnisse, sowie die Angst vor kommenden Konsequenzen, wenn wir uns einer Veränderung unserer Lebensweise zugunsten der Natur und der Menschlichkeit öffnen, vermischen sich derzeit mit der Angst vor dem Virus.

In meinem letzten Blogeintrag habe ich euch dazu ermutigt, das Erfahrungsfeld, welches mit dem Virus einhergeht, anzunehmen. Damit meinte ich nicht, dass wir das Virus stoppen können, wenn jeder seine Themen hierzu bearbeitet.
Dies wäre Überheblichkeit und nur eine weitere Blüte menschlicher Machtgebärde im Umgang mit Naturgesetzen. Vielmehr möchte ich dazu ermutigen, zu erkennen, was jeder für sich selbst in der aktuellen Situation lernen kann, um hieraus eine neue Haltung der Welt, der Natur und den Mitmenschen gegenüber zu entwickeln.
Dies kann in der Folge dazu führen, dass wir als menschliche Gemeinschaft beginnen, neue Regeln aufzustellen, auf der Basis, dass wir als Mensch nur Gast auf diesem Planeten sind: die Natur, unser Planet Erde, wird uns definitiv überdauern.

Der Virus ist real.
So fühlen wir reale Ängste vor einer realen Bedrohung. Zugleich sind wir aber alle darin gefordert, uns nicht den eigenen Vorstellungen und Projektionen zur Verfügung zu stellen, welche damit einhergehen. Diese sind Schimären, welche aus der Reproduktion vergangener Erfahrungen in der eigenen Lebensgeschichte und der Geschichte unserer Ahnen hervorgehen.
Der neue, der eigene Weg, um mit dieser Krise umzugehen, befindet sich in jedem von uns selbst und kann nur durch Präsenz und die wertfreie innere Haltung geboren werden: durch die Nacht zum Licht.
Es ist also die Kraft der Gegenwärtigkeit, welche in der aktuellen Krise steckt und die jeder für sich nutzen kann, um so eine stabile Basis in sich selbst zu finden.

An dieser Stelle möchte ich gerne den Vergleich zum Alpinismus wählen. Wenn ich mich der Bergwelt aussetze, bin ich mir der realen natürlichen Gefahren, welche damit verbunden sind, bewusst.
Schon als Kind wurde mir bei den gemeinsamen Familien-Wanderungen und Klettertouren in den Bergen immer wieder eingeschärft, aufmerksam, konzentriert und vorsichtig zu sein. Den Blick auf den Weg gerichtet und jeden Schritt prüfend aufsetzen. Zum Rundblick anhalten: ganz wichtig.
Diese Haltung beruht auf Respekt der Natur des Berges gegenüber. Die eigene Vorsicht rettet das eigene Leben und schützt das Leben der Seilgefährten. Es geht nicht darum, bei Hindernissen gleich aufzugeben, jedoch sollte man diesen auch nicht in Überheblichkeit begegnen und hierbei die eigene Ängste ignorieren.

Sehr geprägt hat mich als achtjähriges Mädchen ein Bergerlebnis mit meiner jüngeren Schwester, die damals sechs Jahre alt war. Diese bekam beim Überqueren einer Gletscherspalte plötzlich Panik und ihre Beine zitterten völlig unkontrolliert: sie konnte nicht mehr weitergehen.
Nie werde ich den Gesichtsausdruck meines Vaters vergessen, welcher durch die Reaktion meiner Schwester selbst in Angst und Panik geriet und im ersten Moment nicht wusste, wie er mit dieser Krise umgehen soll. Er begann, auf meine Schwester einzureden, indem er damit drohte, was alles passieren würde, wenn sie nicht sofort weitergehe: „Je höher die Sonne steigt, desto mehr schmilzt das Eis und die Überquerung der Spalte wird immer gefährlicher.“ „Du bringst uns alle in Gefahr und wir werden verunglücken!“
Am Ende war die Angst vor den Drohungen meines Vaters größer als die Angst vor einem mögliche Absturz und meine Schwester ging weiter. Gelöst war die Angst meiner Schwester dadurch aber nicht. Bis heute meidet sie Klettersteige und das Hochgebirge.

Mein Vater hätte sich aber auch seine Verletzlichkeit und die Angst um seine Familie in diesem Moment eingestehen können. Es hätte sein Verständnis für die Angst meiner Schwester und sein Bestärken in ihre Fähigkeiten gebraucht, um ihr dadurch das notwendige Selbstvertrauen zu schenken, die Situation vorsichtig und in ihrem eigenen Tempo zu meistern.

Sowohl in meinem Beispiel als auch in der aktuellen Krise geht es um die Angst im Umgang mit einer realen Bedrohung.
Die Gletscherspalte kann tödlich sein, wenn man abstürzt. Auch das Corona-Virus bedeutet für viele Menschen den Tod. In beiden Fällen braucht es die persönliche Geistesgegenwart, die eigene Angst zu akzeptieren und sich selbst in Folge dessen in Verständnis und Geduld zu begegnen. Erst dann wird eine aktive Auseinandersetzung mit der Herausforderung möglich.
Hilfreich können hierbei meine Anregungen zur eigenen Instinktnatur im Zusammenhang mit COVID-19 sein, wie ich sie in meinem vorangehenden Blogeintrag beschrieben habe.

Abschließend möchte ich sagen, dass es für mich in der aktuellen Situation nicht darum geht, Angst oder keine Angst zu haben. Für mich geht es um ein Gleichgewicht zwischen Verletzlichkeit und Eigenmacht.
Erst wenn es gelingt, sich den eigenen wunden Punkt zuzugestehen, findet sich die Medizin in der persönlichen Lebenskraft, welche Selbstvertrauen und Veränderung bewirkt.